Fussgang

Im Juni 2010 wurde der Wettbewerb für die Neugestaltung der Augsburger Fußgängerzone entschieden. Es gab zwei 1.Preise und einen 3.Preis. Der Auslobung lagen exakte Höhenpläne mit tausend Höhenkoten bei, die laut Auslobung zu berücksichtigen waren. Die Vorprüfung setzte sich offenbar darüber hinweg und das Preisgericht kürte Arbeiten, deren Wirtschaftlichkeit und Machbarkeit es selbst in Frage stellte.

 

 Nur so kann man sich erklären, weshalb der 1. Preis von (f) landschaftsarchitektur ganz vorne landete obwohl „Die angedachte Entwässerung über eine Entwässerungsrinne nur zum Teil schlüssig ist, da die dargestellten Unterbrechungen im Straßenraum in der praktischen Ausführung hinterfragt werden müssen„. Besonders am Platz vor dem Weißen Hasen in der Annastraße wird das schon aus dem Bild deutlich! Die Rinne wurde etwas westlich aus der Straßenmitte platziert. Das Straßengefälle geht aber in Richtung der östlichen Hauszeile. Wenn das so ausgeführt wird, muss man in die dortigen Läden mindestens 4 Stufen hinuntersteigen, ebenso in den Durchgang zur Steingasse! 

 

Platz beim Weißen Hasen-Annastraße - 1.Preis

Platz beim Weißen Hasen-Annastraße - 1.Preis

 

 Auch die Gestaltung des Platzes im Bereich „Unter dem Bogen“  … „wird kritisch  gesehen. Das räumliche Umfeld wirkt durch eine Übermöblierung mit Bänken, Brunnen und Gastronomie zum Teil überfrachtet“ .  Aus wirtschaftlicher Sicht, so das Preisgericht, „wird sich der Entwurf jedoch im oberen Bereich des Kostenrahmens bewegen„.

Dies ist besonders für die zahlenden Anlieger eine Kriterium. Auch die Gestaltung des Rathausplatzes mit einem Wasserspiel in Konkurrenz zum Augustusbrunnen scheint das Preisgericht nicht begeistert zu haben: „Eine Anordnung von Wasserfontänen in direkter Konkurrenz zum Augustusbrunnen wird als unangemessen angesehen“.

 

Platz am Weißen Hasen - 1.Preis - g2 Architekten

Platz am Weißen Hasen - 1.Preis - g2 Architekten

 

Auch der zweite 1.Preis von Atelier 30 scheint sich mit den Höhenverhältnissen der Straßen nicht näher befasst zu haben. Auch hier wurde in der Annasttraße die Entwässerungsrinne an die westliche Häuserzeile gerückt, wodurch an der östlichen Häuserzeile aufgrund des notwendigen Gefälles die Straße ca. 1m höher liegt als die Ladeneingänge. Das Preisgericht zur Entwässerung am Martin-Luther-Platz: Die dargestellte Entwässerung des Martin-Luther-Platzes wird hingegen in Frage gestellt“. 

 

Annastraße Platz beim Weißen Hasen 1.Preis - Atelier 30

Annastraße Platz beim Weißen Hasen 1.Preis - Atelier 30

 

Auch die „Stadtpodeste„, ein besonderes Merkmal des Entwurfs werden von der Jury in Frage gestellt, weil sie nicht behindertengerecht sind, zu Unfällen führen und im Winter der Schneeräumung im Wege sind: „Mit der Anhebung so genannter „Stadtpodeste“ um eine Stufe in den Platzbereichen wird eine weitere Gliederung erreicht. Allerdings ist hier eine behindertengerechte Nutzung ebenso fraglich wie die Bemessung der erhöhten Flächen für eine wirtschaftliche Nutzung….“.

Ähnlich negative Aussagen macht die Jury zu den Plattenbelägen: „Durch die Wahl des großformatigen Plattenbelags wird die Wirtschaftlichkeit sowohl in der Herstellung als auch im Unterhalt in Frage gestellt, da die Plattenstärke proportional mit der Formatgröße zunimmt“.

Der 3.Preis von Capatti-Staubach erhielt von der Jury die beste Bewertung: „Der Entwurf baut auf einer sorgfältigen Analyse der Altstadt und deren Struktur auf. Daraus wird ein logisch es System entwickelt, wie die einzelnen Stadträume gestaltet werden sollen“. Was will man mehr? 

 

Platz am Weißen Hasen 3.Preis - Tancredi Capati

Platz am Weißen Hasen 3.Preis - Capatti-Staubach

 

 Auch die klassische Beleuchtung an den Hauswänden (wie in Augsburg überall üblich) wird gelobt: „Mit den vorgeschlagenen Auslegerlampen wird erreicht, dass sowohl der Straßenraum, als auch die Fassaden beleuchtet werden“. Hierzu muss man wissen, das Augsburgs Straßenbeleuchtung internationale Anerkennung genießt wegen seiner „wohnlichen Atmosphäre“ und seiner geringen Lichtemmisionswerte. Auf was hier bisher verzichtet wurde ist der zeitgenössische Lichteffekt, der mehr in den Himmel als auf die Straße gerichtet ist, und uns den Sternenhimmel verblendet! Das liegt wahrscheinlich daran, dass für unsere Straßenbeleuchtung noch das Tiefbauamt zuständig ist und kein internationaler Lichtplanprofessor

 

Fuggerplatz 3.Preis Tancredi Capatti

Fuggerplatz 3.Preis Capatti-Staubach

 

Zwar wird die „nicht eindeutig strukturierte und formatierte Verlegeart des Belags“ vom Preisgericht bemängelt. Dies lässt sich aber durch Formatänderung leicht beheben. Jedenfalls erfüllt der 3.Preis, anders wie bei den beiden 1.Preisen  schon mal die funktionalen Vorrausetzungen: „Damit entsteht ein großzügiger Straßenraum, der auch alle funktionalen Erfordernisse wie Entwässerung, Erschließung, Warenauslagen, Außengastronomie erfüllt“. 

 

Annastraße 3. Preis - Tancredi Capatti

Annastraße 3. Preis - Capatti-Staubach

 

Die Architekten Tancredi Capatti und Matthias Staubach haben eine Augsburg-gerechte Lösung erarbeitet, die auf die geographischen Verhältnisse unserer Stadt Rücksicht nimmt und unaufgeregt ohne modisches Beiwerk auskommt. Er überträgt das was sich im sanierten Bereich der Stadt bereits bewährt hat auf den sanierungsbedürftigen Teil. Hier „zischt“ kein Konkurrenz-Brunnen neben dem Augustus, fällt keiner über „raffiniert“ beleuchtete Stadtpodeste und es „funzeln“ einem auch keine Bodenstrahler ins Gesicht.

Wenn man den ersten und letzten Satz der Jurybewertung zusammenfasst müsste das eigentlich der unangefochtene 1.Preis sein:

„Der Entwurf baut auf einer sorgfältigen Analyse der Altstadt und deren Struktur auf. Daraus wird ein logisches System entwickelt, wie die einzelnen Stadträume gestaltet werden sollen. Insgesamt stellt der Entwurf eine großzügige und selbstverständliche Lösung der gestellten Aufgabe dar.“

 Warum, so fragt man sich, ist das nicht der 1.Preis ? – Volker Schafitel, Architekt

Wettbewerbsdokumentation

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