Lotrecht

Als der Neubau des Vogeltors 1445 durch die Mitglieder des Stadtrates abgenommen werden sollte, behauptete ein Repräsentant der Stadt, das Tor und dessen aufgesetzter Turm seien schief. Da dem Baumeister in der Not keine andere Möglichkeit einfiel, stieg er auf den Turm, streckte seinen Hintern aus einem der Fenster und verrichtete sein „Geschäft“. Dieses fiel im Lot herunter und berührte nicht die Wand, so dass die korrekte Bauweise erwiesen war. An dieses Ereignis erinnern zwei Steinfiguren an der Wand des Torturmes.

Das Vogeltor wurde im 2. Weltkrieg bis auf das gotische Gewölbe zerstört und 1945 wieder aufgebaut. Seither rottet es dahin, wie viele Denkmale, die sich in städtischem Besitz befinden und deren Bauunterhalt nicht gleistet wird. Den Hollstadel  konnte letzlich auch nur das öffentliche Interesse über die Medien vor dem völligen Verfall retten.   

 

Man könnte meinen, 1945 hatte die Stadt mehr Geld im Haushalt um sich den Luxus leisten zu können, ein „unnützes“ Stadttor wieder aufzubauen. Natürlich hat die Stadt heute mehr Geld als nach dem Krieg. Sie gibt es nur nicht mehr für ihr kulturelles Erbe aus sondern für „wichtigere“ Dinge wie Jahrhundertprojekte und deren Bewerbung. Damit erntet man heute mehr Beifall und hat bessere Wahlaussichten als mit dem Erhalt und dem verantwortungsvollen Umgang mit der Geschichte. 

Nun stellt das Hochbauamt den Verfall des Vogeltors fest – AZ am 27.10.2011 !  Hochbauamtsleiter Billenstein spricht von einem „Sanierungsstau„. Andere Abschnitte der Wallanlagen – etwa im Lueginsland und am Roten Tor – sind zwischenzeitlich gesperrt, und stehen der Bevölkerung und den Stadtbesuchern nicht mehr zur Verfügung, weil die Befestigungsmauern nicht mehr stabil sind!

Dabei hat der Bauausschuss 2008 mit Beschluss die Verwaltung beauftragt, “ ein Gesamtkonzept zur Erhaltung und Nutzung der historischen Augsburger Wallanlagen mit ihren Mauern, Türmen, Bastionen und Gräben zu erarbeiten. In einem ersten Schritt soll eine umfassende baufachliche Bestandsaufnahme durchgeführt und die zahlreichen Schäden kartiert werden. Auf Basis dieser Untersuchung sollen dann Nutzungskonzepte entwickelt und die Anlagen erlebbar gemacht werden“. Daz am 17.10.2008

Die politisch dankbarsten Beschlüsse sind die der Bestandsaufnahmen, Nutzungskonzepte und künftigen Visionen. Die Kosten dafür sind überschaubar (100.000 Euro), und man hat „etwas auf den Weg gebracht„! AZ am 16.10.2008  So gesehen könnte die Aktion „Vogeltor Oktober 2011“ als erster Schritt der Beschlussumsetzung von 2008 durch das Hochbauamt gewertet werden: „Schadensauflistung“!

Was aber unsere Denkmale brauchen, ist ein zuverlässiger Bauunterhalt mit Mörtel, Ziegel und Kelle und keine visionären Beschlusshülsen. Sonst überstehen unsere Kulturbauten nämlich baulich nicht die Zeit der Beratungsgremien, und die Nutzungskonzepte erübrigen sich durch deren Verfall. 

Welche Aktion sich wohl der Baumeister des Vogeltors heute einfallen lassen würde, um die „Repräsentanten der Stadt“ davon zu überzeugen, mit dem Kulturerbe der Stadt sorgsamer umzugehen.

Volker Schafitel

1 Kommentar

  1. Wolfgang Taubert sagt:

    Eines der wesentlichsten Pfunde, mit welchen die Stadt Augsburg wuchern
    kann, ist die großartige Historie. Diese kostbare Bau-Geschichte aus
    Mittelalter und früher Neuzeit zu erhalten, muss oberstes Gebot sein. Nur:
    wer soll’s denn machen? Hier wäre Kreativität angesagt. Es gibt sehr viele –
    leider auch arbeitslose – Menschen in unserer Stadt, die bauen und sanieren
    können. Ein Sonderprogramm in Zusammenarbeit mit dem Arbeitsamt Augsburg
    wäre sicherlich ein neuer, interessanter Weg. Diesen anzupacken täte allen
    gut, ehe man in den kommenden Jahren gleichermaßen kunstvoll wie sinnlos erklärt, was alles angeblich aus Kosten- und anderen Gründen(?)
    nicht geht.

    Wolfgang Taubert
    Apothekergäßchen 8, 86150 Augsburg
    Tel. 553 993

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