Kreative RAUS!!!

Der Kulturpark West ist Augsburgs Zentrum für kreative urbane Kulturen. Seit 2008 entstanden in einer ehemaligen Kaserne von 1937 auf über 6000 qm Bandübungs- und Workshopräume, Ateliers, Studios, Projekt- und Kreativbüros für ca. 1500 aktive Nutzer: Über 200 Bands, 75 Bildende Künstler/innen, 25 Projekt- und Initiativgruppen. Die Beseelung einer Kaserne durch Kreative ist ein Musterbeispiel gelebter Denkmalpflege und soll nun entseelt werden.

Ab 1933 gewann Augsburg als Militärstandort an Bedeutung. Die Stadt wurde bald Sitz des Kommandos der 27. Infanteriedivision, je eines Infanterie- und Artillerieregiments einer Panzerabwehr-Abteilung, außerdem eines Heeresverpflegungslagers sowie von Luftwaffeneinheiten Für deren Unterbringung wurden zwischen 1934 und 1939 sieben Kasernenkomplexe, darunter in den Jahren 1934 und 1935 die Somme-Kaserne (ursprünglicher Name – an der Sommestraße) errichtet.

Luftbild Reese Kaserne

Luftbild Reese Kaserne

Die südlich gelegene Arras- und Somme- Kaserne waren als ehemalige Artilleriekasernen für pferdegezogene (bespannte) Geschütze von einem deutlich zweckgerichteten Baukonzept geprägt: Vier U-förmige Gebäudekomplexe mit Sichtmauerwerk und insgesamt rund 310 Meter Reithallen sowie 380 Meter Stallungen. Innerhalb der hufeisenförmigen Anlagen bestanden Reitwiesen. Der Straßenname „An der Pferdeweide“ erinnert heute noch an diese Kasernenhistorie. Die wegen taktischer Motorisierung anders konzipierte Panzerabwehrkaserne im Norden des Areals war von vier langen Garagenzeilen mit insgesamt 580 Meter Torstrecke und technischen Werkstätten gekennzeichnet. Allen drei Kasernen waren die nach Wehrmachtsbaunorm errichteten Unterkunftsgebäude mit großen Exerzierplätzen und Kantinen zugeordnet.

Nach Entwürfen des Heeresbauamtes Augsburg entstand bis Ende 1937 ein gemeinsames Offiziersheim für die Heereskasernen. Dieses „Reichswehr-Offizierskasino“ an der Sommestraße wurde am Rande des Kasernenareals gebaut, wie dies der damaligen Militärkultur in Deutschland entsprach. Die materiellen Akzente des Gebäudes glichen anderen deutschen Offiziersheimen in prunkvoller Ausstattung, massiven Bauelementen sowie ausdrucksvollen Baumaterialien: rote Marmortreppen, schwere Eichenholztüren, oberflächenbearbeiteter Beton, Solnhofener Platten, Schwingtüren mit schmiedeeisernen Beschlägen usw.. 

„Reichswehr-Offizierskasino" an der Sommestraße – Gartenansicht

„Reichswehr-Offizierskasino

Auch hier galt die Repräsentation des deutschen Militärwesens und der Offizierselite. Die steilen Dachneigungen vermittelten psychologisch Größe, Macht und Festigkeit.
Obwohl inzwischen unter Denkmalschutz gestellt, litt die innere Ausstattung im heutigen Gastronomiebereich durch eine jüngst auf Zweckmäßigkeit gerichtete Umgestaltung.

„Reichswehr-Offizierskasino" an der Sommestraße – Cassinoraum

„Reichswehr-Offizierskasino

Im September 2006 erwarb die Augsburger Gesellschaft für Stadtentwicklung (AGS) als Treuhänderin der Stadt Augsburg die „Reese Kaserne“ von der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben. Im Jahr 2008 unterschrieb der damalige OB Paul Wengert einen Nutzungsvertrag für den Kulturpark West der im Jahr 2017 endet.

Das Areal wurde nun im Rahmen einer städtebaulichen Entwicklungsmaßnahme entwickelt.

Aktuelle Entwicklungen http://www.augsburg.de/index.php?id=29417

Im Jahr 2013 sollen die Abbruch- und Erschließungsmaßnahmen ungenutzter Gebäudeteile fortgeführt werden. Nach dem Rechtskräftigen Bebauungsplan 228 soll das gesamte Areal der Sommekaserne abgebrochen werden und mit ca. 85 Reihen-, Doppel-, Ketten-, Stadthäusern und 375 Geschoßwohnugen in bewährter Bauträgermanie bebaut werden

Das Wort Denkmal verwendete erstmals Martin Luther als Übersetzung für das lateinische Wort monumentum (monēre = gemahnen, erinnern).

Erinnerungskultur will Teile der Vergangenheit im Bewusstsein halten und gezielt vergegenwärtigen. Dabei geht es vorab um die kollektiven wie subjektiven Wahrnehmungen historischer Zusammenhänge aus einer aktuellen Perspektive.

Denkmäler sind Ausdruck eines Zeitgeistes, sie vergegenwärtigen unser Erbe, konfrontieren uns mit einer fortwirkenden Vergangenheit, die – beharrlich, unbarmherzig, bisweilen auch versöhnlich – in unsere Gegenwart hineinragt.

So gesehen versöhnt der Kulturpark West die demokratische Gegenwart mit einer Kriegsarchitektur der 1930-er Jahre und schafft mit deren kreativen Umnutzung die unschätzbare Möglichkeit, diese Gebäudeformation von jeglichem Kriegspathos zu entkoppeln und sie für uns von den politischen Altlasten zu befreien. Eine denkmalwürdige Leistung!

Einen Kulturpark zeitlich zu begrenzen geht nur dann, wenn er sich nicht weiterentwickelt. Tut er dies jedoch im Laufe seiner zugebilligten Entwicklungszeit, entsteht zwangsläufig kreative Biotope – also schützenswerte Kultur.

Haunstetter Schießplatzheide

 Haunstetter Schießplatzheide

Vergleichbar ist dies mit der Bildung des Biotops der Haunstetter Schießplatzheide.

Das ehemalige Waldgebiet wurde 1880 gerodet, um einen Schießplatz anzulegen. Auf der nun freien Fläche konnten sich seltene alpine, kontinentale und submediterrane Tier- und Pflanzenarten ansiedeln. Durch die militärische Nutzung zunächst als Exerzierplatz wurde die Fläche immer wieder freigehalten. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der Schießplatz durch die amerikanischen Truppen für Schießübungen genutzt. Seit ca. 1980 wird der Schießplatz nicht mehr militärisch genutzt und ist nun ein Fall für den Naturschutz – aus Schießplätzen Biotope!

Manchmal erkennt die Gesellschaft die kulturellen, politischen und soziologischen Werte nicht, weil sie nicht in Blattgold glänzen. Um so mehr sind sie Denkmale, weil sie Teil der Erinnerungskultur sind, zumal sie durch ihre friedliche Nutzung eine Gesellschaft mit einer dunklen Vergangenheit versöhnen können.

Aus der Torwache wird der Eingang in den Kulturpark West

Aus der Torwache wird der Eingang in den Kulturpark West

Pferdestelle auf dem Kasernengelände in Ziegelsichtmauerwerk (bereits abgerissen)

Pferdestelle auf dem Kasernengelände in Ziegelsichtmauerwerk (bereits abgerissen)

Aus Offizierscasino wird  Kulturtreff

Aus Offizierscasino wird Kulturtreff

Aus dem Exerzierplatz wird ein Parkplatz

Aus dem Exerzierplatz wird ein Parkplatz

Aus der Soldatenkantine wird eine Diskothek

Aus der Soldatenkantine wird eine Diskothek

Aus der Kradhalle wird eine Konzerthalle

Aus der Kradhalle wird eine Konzerthalle

Aus Panzergaragen wird ein Theater

Aus Panzergaragen wird ein Theater

Aus der Reitwiese wird ein Grillplatz

Aus der Reitwiese wird ein Grillplatz

Aber die Container der Abbruch GmbH stehen schon bereit um „Platz zu schaffen für neue Ideen“ – wohlgemerkt nicht für bessere Ideen – , denn die beste Idee war es, diese Kaserne den Kreativen zu überlassen, die es mit ihrer Kunst, Musik, Theaterstücken und Konzerten geschafft haben, eine Kriegsstätte in eine Friedensstätte zu verwandeln.

Kunst und Kreativität sind die Feinde von Krieg und Korruption weil sie frei denken und dadurch nicht zu steuern sind. Spontanität und künstlerisches Chaos untergraben Perfektion, militärische Disziplin und bedingungslosen Gehorsam und schaffen so humane Räume.

Wer kreative Biotope austrocknet, zerstört die Wurzeln der kulturellen Entwicklung.

In nur 5 Jahren entstand an der Sommestraße ein kreatives Biotop. Es einfach zu versetzen wird es zerstören, jedenfalls in dieser Form, weil sich Kunst wie eine Pflanze nur unter bestimmten Bedingungen entwickeln kann.

Die Gesellschaft braucht Kreative mehr denn je. Andere Städte kämpfen um ihre Ansiedlung weil sie wissen, dass Kreative andere Kreative anziehen und damit frische Ideen die Stadt beseelen.

Wer eine „creativ city“ werden will, muss kreative Biotope schützen, pflegen und wachsen lassen.

Antrag Ensembleschutz – Bayer. Landesamt für Denkmalpflege

V. Schafitel

6 Kommentare

  1. Stefan Krause sagt:

    Ich kann nur bestätigen, dass diese Synergie zwischen den Künstlern erst jetzt, nach 5 jährigem Bestehen langsam beginnt zu erwachen. Die Metapher mit einer Pflanze ist eine exzellente Wahl. Denn, sie braucht ebenso wie die Kreativität, den passenden Raum zum wachsen. Sonne zum erblühen! Eine Verpflanzung, die übrigens bei einer adäquaten Art und Weise mit unglaublich hohen Kosten verbunden ist, würde dieses Wachstum nicht nur unterbrechen, sondern auf Grund des Umfelds wahrscheinlich auch zerstören. Augsburg hat eine unglaublich hochwertige Kunstlandschaft. Und sie befindet sich geballt in den beschriebenen Kasernen Gebäuden. Schaut vorbei! Ihr werdet mit offenen Armen empfangen und könnt euch selbst davon Überzeugen, dass es hier etwas einmaliges in eurer Stadt gibt.

  2. Siegfried Stiller sagt:

    Betrachtet man die Entwicklung des Kulturparks West in den vergangenen 5 Jahren so kann nur festgestellt werden, dass sich hier ein Kreativ-Zentrum entwickelt hat, dass auch überregional einmalig ist. Die Synergien entstehen gerade auch durch die Lage der Ateliers, Werkstätten, Bandübungsräume in den Kasernengebäude durch eine „Enge“ der Bewegungsabläufe – die Kreativen begegnen sich zwangsweise – und so entstehen persönliche und künstlerische Kontakte auch über Generationen hinweg.
    Das Gerede 5 Jahre vor Ablauf des Zwischennutzungsvertrages über das bestehende Ende ist für die Kreativen und die Wahrnehmung in der Öffentlichkeit ist kontraproduktiv. Was entsteht hier erst in den nächsten 5 Jahren, wenn die anfänglichen 5 Jahre schon so produktiv waren.
    Warum sollte man eine so hoffnungsfrohe und funktionierende Einrichtung wie den Kulturpark West ohne Not verlagern, ja auch zerstören?
    Ich fände es auch städteplanerisch eine wunderbare Geschichte, wenn das bestehende Kulturpark- (ehem Kasernen-) Areal im größten neuen Bebauungsgebiet in Augsburg als integriertes Kreativareal bestehen bliebe. Kunst als weicher Standortfaktor! Einfach Super!

  3. KS sagt:

    Es ist interessant, dass die Politik sich mit ihrem Umzugvorhaben auf Aussagen der GF des Kulturpark West beruft. Diese findet es nämlich wahrnehmbar in Ordnung. Auch wenn gegenüber Künstlern immer wieder etwas anderes behauptet wird. Mehr Kontur an dieser Stelle wäre nicht schlecht.

  4. Birgitta Schafitel sagt:

    Gratulation zu diesem differenziert wie anschaulich dargestellten Beitrag, der wieder einmal zeigt, was gedeihen kann, wenn man Kreativität nicht nur „zulässt“, sondern als unverzichtbar Not-wendigen Bestandteil lebendiger Kultur einer Stadt versteht (auf dass sich die Not wende!). Diese Stätte im oben beschriebenen Sinne nicht nur als „Denkmal“ zu erhalten, sondern weiter aufblühen zu lassen, kann man nur unterstützen – notfalls tat-kreativ-kräftig!

  5. Jakob Krattiger sagt:

    Dieser ausführliche Bericht ist ausgezeichnet recherchiert und verdeutlicht mal wieder, dass dieselben städtebaulichen Fehler immer wieder neu begangen werden. Nicht grundlos werden häufig kulturell aktive Viertel Anzugspunkt für begüterte Immobilieninvestoren. Daraus sollten sich Synergien ergeben, die aber meist erst dann erkannt werden, wenn bereits die gewachsenen Bedingungen zerstört sind. Den bestehenden Kommentaren hier ist nichts mehr hinzuzufügen, im Grunde genommen ist schon alles gesagt.

  6. Uwe Wiedemann sagt:

    Selbstbeweihräucherung linker Lebens- und „Arbeits-Philosophien“, die sich das entsprechende „moderne“ und „demokratische“ ( was soll daran ausgerechnet demokratisch sein? Dürfen nur Linke demokratisch sein?) Milieu selbst gestalten….. finanziert wie üblich durch Fördergelder für immer wieder neu erfundene „Projekte“….. Man hätte aus dem Areal auch ganz anderes machen können: Obdachlosenheim ( anstatt beim Schuberthof), Wohnungen mit Kleingärten für finanzschwache Familien ( ähnlich Messerschmittsiedlung in Haunstetten) , ensprechend die Sozialeinrichtungen wie eine Kantine im Offz.-Kasino, Reiterhof und Tiergnadenhof mitten in der Stadt, auch für die Kinder…. aber gut: Diese Ära ( ca. 1989 bis dato)hat für solche „Kollektivformen“ nichts übrig…..

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