Städtebauliches Armenhaus

In seinem Artikel am 12.06.2014 in der AZ – „Eine brutale Bebauung“ geht Richard Mayr anhand von Gregor Naglers Aufsatz “ Altstadt kaputt“ den Strukturen der Augsburger Stadtentwicklung nach. Dabei stellt er die Frage: „Darf eine Stadt sich die Gestaltung und Nutzung zentraler Bereiche von Investoren diktieren lassen“? Und er hinterfrägt die Gewichtung und Einflussnahme des Stadtheimatpflegers.

 

 

 

Es gab auch im Jahr 2002, als der Bebauungsplan Nr. 469 „Beiderseits der Armenhausgasse“ genehmigt wurde einen Stadtheimatpfleger, der damals aber wenig Einflussnahme ausübte. Insbeondere gab es Architekten, die  eng mit der Bauverwaltung zusammenarbeiteten und mit einem unsäglichen Bebauungsplan den Start gaben für eine städtebauliche Fehlenwicklung im Herzen der Alststadt.

Bebauungsplan Nr. 469 „Beiderseits der Armenhausgasse“ 2002

Bebauungsplan Nr. 469 „Beiderseits der Armenhausgasse“ 2002

Die Planung der verantwortlichen Architekten sah zwar den Erhalt der Mälzerei vor, nicht aber den Erhalt des Schornsteins und des voll ausgestatteten Sudhauses aus dem Jahr um 1900.
Die Architekten und nicht der Investor gab die Gestaltung der Gebäude vor, wie sie im Bebauungsplan festgeschrieben wurden: Pultdächer, lichtgraue Dächer, eisengraue Fallrohre, anthrazitgraue Geländer.

Die untere Denkmalschutzbehörde der Stadt nahm den historischen Wert des Sudhauses überhaupt nicht wahr bzw. sah aus Desinteresse, Unkenntnis oder auf Anweisung weg.

Die Inselkammergruppe versuchte das Areal zu vermarkten und scheiterte an den Grundrisszuschnitten, der langweiligen Bauträgerarchitektur, der falschen Ausrichtung der Häuserzeilen und der fehlenden bzw. zerplanten Altstadtatmosphäre.

Im Jahr 2005 beauftragte die Inselkammergruppe Architekten damit, den Bebauungsplan zu überarbeiten. Dabei wurde die Zeilenbebauung durch eine Blockrandbebauung mit einem innerstädtischen Gartenpark ersetzt. Das historische Sudhaus mit Schornstein und die Mälzerei blieben erhalten und entlang der Schlossermauer sollte wieder eine Mauer mit kleinteiligen 3-geschossigen Stadthofhäusern dahinter entstehen.

Städtebauliches Modell 2005

Städtebauliches Modell 2005

Bei der Vorstellung der Planung mit städtebaulichem Modell im Stadtplanungsamt wurde Herrn Inselkammer vom Baureferenten erklärt, dass er den bestehenden Bebauungsplan auf keinen Fall mehr ändern werde. Das Gespräch dauerte knapp 30 Minuten.

Bebauung Brauereigelände unter Erhalt von Sudhaus, Mälzerei und Schlot

Bebauung Brauereigelände unter Erhalt von Sudhaus, Mälzerei und Schlot

Perspektive des  bebauten und sanierten Hasenareals

Perspektive des bebauten und sanierten Hasenareals

Im Jahr 2008 wurde das Gelände an die Fa. Klaus Bau verkauft und Architekt Schrammel mit der Änderung des Bebauungsplans beauftragt. Dabei wurde die einzige größere Grünfläche aus der Erstplanung mit 3 Quergebäuden mit Südausrichtung „verkaufsgerecht“ überplant. Schließlich wurde auch noch die Mälzerei der einfallslosen Vermarktung geopfert. Die „guten Kontakte“ zwischen Stadt, Politik und Architekten machten dies möglich und nicht das Diktat des Investors.

Das „Kaiserviertel“ im Herzen der Altstadt

Das „Kaiserviertel“ im Herzen der Altstadt

Die Wahrnehmungen von Bürgern, Historikern und Politikern zum heranwachsenden „städtebaulichen Armenhaus“ können unterschiedlicher nicht sein: 

Augsburgs Oberbürgermeister betonte die umfangreichen Abstimmungsgespräche, die im Vorfeld geführt worden seien. „Sensibler könnte ein neu zu erschließender Bereich kaum sein, als hiermitten in der Stadt„, so der OB. In die Vorbereitungen waren neben den Stadtplanern auch die politischen Fraktionen, der Stadtheimatpfleger sowie der Baukunstbeirat einbezogen….

Dem Stadtheimatpfleger blieb nur noch die Aufgabe, einen Vortrag über Erinnerungsarchitektur abzuhalten.

V. Schafitel, Architekt

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