IT-Pfad

Im Bauausschuss vom 06.11.2014 stellte der Baureferent SEIN Projekt „Textilpfad Augsburg“ vor. Zur Vorlage für den Baausschuss wurde ein, von der Werbeagentur Bulach konzipierter aufwendiger Prospekt präsentiert, in dem das Stadtplanungsamt als Entwickler der Maßnahme genannt ist. Das Vorwort führt der Baureferent persönlich und stellt in Aussicht, seine Themenpfade durch ganz Augsburg zu legen.

Das Textilviertel in Augsburg ist eine kulturhistorisch höchst bedeutsame Stadttypologie.

Textilviertel 1920

Textilviertel 1920

Durch das vom Bund Deutscher Architekten (BDA) 1988 Symposium „Strukturwandel Augsburg Nord“ angeregt, wurde auf Stadtratsbeschluss vom 21.09.1989 ein Kolloquium „Entwicklungskonzept für das Augsburger Textilviertel“ unter dem damaligen Bürgermeister Hans Breuer durchgeführt. Eine Expertengruppe aus Architekten, Stadtplanern und Verkehrsplanern unter der Leitung des Augsburger Architekten Gerhard Ludwig erarbeitete vom 7.-10.November 1989 ein Entwicklungskonzept.

Ausschnitt aus dem Entwicklungskonzept 1989

Ausschnitt aus dem Entwicklungskonzept 1989

Während dieses Konzept über 20 Jahre vor sich hingammelte, wurde im Textilviertel munter zerstört und das Viertel durch die Schleifenstraße zertrennt.

2008-2010 führte die Stadtregierung ein „Integriertes Stadtteilentwicklungskonzept“ (ISEK) mit starker Bürgerbeteiligung durch, deren Ergebnisse in ein Konzeptpapier einflossen.

ISEK 2008-2010

ISEK 2008-2010

Baureferent Merkle stellt im Vorwort zu seinem „Komplexen Inforamtionssystem“ fest, dass für die früheren Entwicklungsprozesse noch „ das Bewusstsein für die historische Bedeutung der Fabrikanlagen gefehlt und sich das erst erst in jüngerer Zeit entwickelt habe“. Die Frage ist natürlich, bei wem das Bewusstsein gefehlt hat, nachdem Planer , Bürger und wohl auch die Politik die Initiative 1989 gestartet hatten.

Wollen wir aber nach Vorne schauen zumal heute „ZUKUNFT“ das politische Leitmotiv ist.

Der Baureferent präsentierte im Bauausschuss seine „Pfadidee“ mit Informationstafeln, Richtungsweiser und Informationsterminals, die er, ca. 2,50 Meter hoch, im ganzen Textilviertel verteilen und insbesondere vor den Sehenswürdigkeiten aufstellen möchte.

Beschilderungsvorschlag – Informationstechnik (IT)„Textilpfad“

Beschilderungsvorschlag – Informationstechnik (IT)„Textilpfad“

Damit ist sichergestellt, dass es kein Foto mehr ohne Infoterminal geben wird!

Beschilderungsbeispiel „Wasserkraft“

Beschilderungsbeispiel „Wasserkraft“

Weiter kündigte der Baureferent an, sein Informationssystem in der gesamte Stadt zu verteilen. Er widersprach nicht meiner entsetzten Nachfrage, ob er damit jetzt auch unsere historischen Brunnen und Denkmäler bestücken will. Im Gegenteil! Er vermittelte dem Bauausschuss seine feste Überzeugung, mit dieser „Provinzaktion“ in der ganzen Stadt ernst machen zu wollen. Er wies auch darauf hin, dass die ganze Sache sogar die Zustimmung der Denkmalbehörden hätte – unfassbar!!

Der Stadtheimatpfleger ergriff als Erster das Wort und sprach sich sehr vorsichtig und ohne dem Referenten zu Nahe zu treten gegen das Projekt aus. In der folgenden Diskussion wurde klar gemacht, dass zwar ein Informationspfad in Planform Sinn macht, aber eine derartige Beschilderung völlig überzogen ist. Zudem gibt es über Internet alle Möglichkeiten, die Information an die Leute zu bringen. Entsprechende Seiten existieren ja auch schon.

Auch dem Sitzungsleiter Architekt Quarg sprachen die Ausführungen des Stadtheimatpflegers aus der Seele, was seinen Verstand nicht davon abhielt, mit dem Rest der Bauausschussmitglieder gegen eine einzige Stimme für diesen Unsinn zu stimmen.

50.000 Euro ließ sich der Baureferent für seine Aktion genehmigen. Da gäbe es 100 sinnvollere Projekte. Nur der Gesamtstadtrat könnte diesen Irrweg in der nächsten Sitzung noch stoppen!

Er wird es aber nach dem Gesetz der Serie nicht tun!


V. Schafitel, Architekt

3 Kommentare

  1. Marion Roden sagt:

    Ist die Annahme richtig, daß Menschen auf ihren Wegen durch die Stadt
    Info-Pfade fordern, um sich über Gebäude und Anlagen detailliert informieren
    zu können?
    Ist es nicht sogar bevormundend, mit Info-Tafeln lange Texte aufdrängen
    zu wollen, die unterstellen, daß sich die Leute keine eigenen Gedanken
    machen wollen?
    Ist es nicht sogar souveräner und großzügiger, die Kulturdenkmäler der Stadt
    nicht auf einen Text zu reduzieren, sondern sie frei für sich sprechen zu lassen
    zu einem Betrachter, der sich dafür öffnet?
    Wer Näheres erfahren will, befragt andere Betrachter und kommt ins Gespräch.
    Das ist kultiviert und lebendig, denke ich.

  2. Marion Roden sagt:

    Nachtrag:
    Mein Sohn (26 J.) kommentierte:
    „…warum versucht man, die Stadt wie einen
    Freizeitpark aufzuziehen? Wozu soll ein Info-Pfad
    gut sein, der einen wie im Flughafen beim Einchecken
    von einer Info-Tafel zur nächsten schleust. Wenn ich
    was wissen will, gucke ich in mein IPad…“

  3. Ulrich Englaender sagt:

    Es gibt ein gut durchdachtes, zurückhaltend gestaltetes Führungssystem für die Innenstadt.Dieses zu erweitern wäre sinnvoll. Der hier unterbreitete Vorschlag ist dagegen nur aufdringlich,großsprecherich, wie so vieles, was in den letzten Jahren aus dem Baureferat der Öffentlichkeit aufgedrängt wurde. Er spricht die gleiche Sprache wie das großsprecheriche Königsplatz Gebäude und der unsägliche Plattenbrei, unsensibel und rücksichtslos gegen seine Umgebung.

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