Die „Stadtverweser“

 „Stadtverweser“ sind im Althochdeutschen Amtspersonen die verwalten, vertreten und die Verantwortung übernehmen für das Vermögen und Erbe der Stadt. Die Verantwortlichen der Stadt besetzen heute den Begriff nach seiner 2. Bedeutung was den Erhalt unseres historischen Erbes betrifft: Sie lassen es verwesen! Der Dachstuhl des Wertachbrucker Tors von Elias Holl hat die Schweden und Franzosen, Napoleon, die Stadtmauerzerstörer im 19. Jh. und sogar den Bombenagriff im 2. Weltkrieg überlebt, aber nicht die Stadtregierungen der letzten 2 Jahrzehnte. 

Das Wertachbrucker Tor stammt aus der Zeit um 1370 und diente zuerst als Zolltor, dann als Wehranlage. Der Torturm wurde im Jahre 1605 von Elias Holl erhöht und erhielt einen 8-eckigen Dachstuhl mit Laterne. Im Dreißigjährigen Krieg hielten Turm und Dachstuhl den Angriffen der Schweden und Franzosen stand. 1805 zog Napoleon durch dieses Tor in die Stadt ein. 1867 wurde die Stadtmauer südwestlich vom Tor abgerissen, um den Verkehr vorbeizuleiten – der Turm blieb stehen. Der Turm überstand sogar den Bombenangriff 1944.

1988-89 wurde das Bauwerk komplett restauriert. Während sich die Stadtregierung 1987 schwer tat, Sanierungsmittel für das Tor in den Haushalt einzustellen, spendeten die Bürgergilde und Augsburger Firmen (Graf & Maresch 10.000 DM) für den Erhalt des Tors. Möglich machte die Sanierung die Alt-Augsburg-Gesellschaft, die über ihre Tombola bei den Augsburger Bürgern 350.000 DM sammelte und diese für die Sanierung bereitstellte. 

Zeitungsbericht am 15.06.1989

Zeitungsbericht am 15.06.1989

Im Mai 2013, knapp 25 Jahre später stellen Wirtschaftsreferentin und Stadtbaumeister den Antrag, für die Sanierung des verfaulten Dachstuhls und die komplett marode Fassade des Wertachbrucker Tors 230.000 Euro bereit zu stellen. Man habe „2012 festgestellt dass sich das Dach des Wertachbrucker Tors in einem schlechten Zustand befindet„!

Eine Schadensbesichtigung im Dachstuhl Wertachbrucker Tor hat ergeben, dass durch mangelhaften Bauunterhalt und Vernachlässigung des Baudenkmals über mehrere Jahre Regenwasser über Firstgrate eingedrungen ist und die Dachstuhlverbindungen an den Balkenköpfen morsch sind. In diesem Zusammenhang ist auch Niederschlagswasser in Mauerwerk und Gesimse eingedrungen und es sind massive Frostschäden entstanden. 

Fehlende Gratziegel

Fehlende Gratziegel

Morscher-Sparrenkopf

Morscher-Sparrenkopf

Ein verantwortungsvoller Unterhalt mit mindestens 2-Jähriger Begehung hätte die Schadensbildung verhindert. Zumindest hätte man wenigstens von Zeit zu Zeit den Zustand der Dacheindeckung von unten mit einem Fernglas überprüfen können. Dann hätte sogar ein Laie feststellen können, dass Firstziegel auf dem westlichen Firstgrad fehlen.

Der von Elias Holl errichtete Dachstuhl hat über 400 Jahre gehalten hat und wurde in den letzen Jahren durch Vernachlässigung der zuständigen Stellen zerstört. Nach einem Schreiben der Stadt war der Dachstuhl im Jahr 1989 in Ordnung bzw. komplett saniert!

Auf das Konto der Stadtverweser geht nicht nur das Wertachbrucker Tor sondern auch das Römische Museum, die Ulrichschule, die Musikschule und besonders unsere Stadtmauer.
Auch der Hollstadel wurde von der Bauverwaltung der Stadt sträflich behandelt bzw. seine Existenz und sein Verfall ignoriert, bis der Aufschrei des damaligen Heimatpflegers Hilbich und der darauf folgende öffentliche Druck zu seiner Sanierung geführt hat.
(http://www.architekturforum-augsburg.de/archives/1109#more-1109)

Für die Lösung des Problems hat die Wirtschaftsreferentin dem Liegenschaftsausschuss in der Beschlussvorlage BSV 3/00233 vom 4.3.2013 in nicht öffentlicher Sitzung (warum???) eine Wundersoftware für 715.000 Euro anempfohlen. Das Programm trägt den Namen „epiqr-Software“ und soll die Fähigkeit besitzen, auf „Knopfdruck“ dem Hochbauamt immer die aktuellen Instandhaltungskosten aller städtischen Immobilien (450) zu liefern. Hinzu kommen noch jährlich 21.935,– Euro für die Softwarebetreuung! Für die Pflege der Datenbank sind 2 zusätzliche Planstellen nötig!

Die Bestandsaufnahme der 450 Gebäude ist mit ca. 514.556,– Euro beinhaltet!
Das sind pro Gebäude 1143,46 Euro.

Im Vergleich zur Anschaffung der Wundersoftware für 715.000 Euro errechnet die Wirtschaftsreferentin die Kosten dafür, würde die Stadt mit zusätzlich 2 weiteren Planstellen eine Bestandsaufnahme der Liegenschaften durchführen. Durch das Einschalten von Fachingenieuren (Heizung, Lüftung, Sanitär, Elektro, Brandschutz usw.) errechnet die Wirtschaftsreferentin pro Gebäude 15.000 Euro, was zusammen 6.750.000 € sind!!!!

Weder die Planstellenkosten noch 1 Euro für Sanierung sind darin beinhaltet!

Nachdem in beiden Fällen der Bestand durch Begehung gewissenhaft erfasst, eine technische Bewertung erfolgen und für jedes Gebäude eine differenzierte Kostenschätzungen für unterschiedlichste Sanierungsmaßnahmen erstellt werden muss, stellt sich jedem Architekten zwangsläufig die Frage, wie genau diese Software arbeitet, wenn sie die Bestandserfassung für knapp 8% der geschätzten Kosten von Baufachleuten leisten kann.

Völlig unverständlich ist es, dass bisher keinerlei Bestandserfassung der 450 städtischen Gebäude und Immobilien vorliegt, was seit Jahrzehnten die Aufgabe des Baureferats gewesen wäre. Den Erben eines Immobilienvermögens dieser Größenordnung würde man angesichts dieser Tatsache einen „Nichtsnutz“ nennen.

Auf die Idee, sich über ein Sanierungskonzept städtischer Immobilien Gedanken zu machen brachte das Baureferat auch erst ein Antrag der Grünen vom 16.05.2012 „Sanierungsstau städtischer Liegenschaften“.

Zurück zum Wertachbrucker Tor:

Ein Blick bei Zeiten von unten mit dem Fernglas hätte genügt, um festzustellen, dass Gratfirste fehlen und Wasser in Balkenköpfe, Gesims und Mauerwerk eindringt und 230.000 Euro Sanierungskosten hätte man sich sparen können! Das hätte auch die teuerste Software nicht leisten können!

Für die Eingabe der notwendigen Daten benötigt das Amt 2 Jahre! Wie viele denkmalgeschützte Gebäude verfallen während dieser Zeit in Augsburg?

Statt mit Computer und Software herumzuspielen, sollten besonders die historischen Gebäude turnusmäßig von einem Baufachmann begangen, der Zustand geprüft und notwendige Sanierungspläne erstellt und deren Kosten in die jeweiligen Haushalte eingeplant werden. Diese Daten lassen sich billig und einfach mit Excel verwalten!

Zum Schluss ein Tip für alle Computerfreaks:

An unserem Rathaus, auf Augenhöhe des Baureferats, dringt unterhalb der Süd/West-Terrasse Feuchtigkeit in das Gesims. Auch der Putz der darunter liegenden Gesimsdächer der Fenster hat schon Flecken. Der Schaden wurde vor einem Jahr „saniert“! Die Ursache dürfte in der immer noch undichten Dachterrasse darüber liegen.  Die geschätzten Sanierungskosten liegen bei ca. 4.500 Euro – ohne Softwarekosten!

 

Rathausgesims mit Feuchtigkeitsschäden

Rathausgesims mit Feuchtigkeitsschäden

 – 

Volker Schafitel, Architekt 

1. Vorsitzender

Geschichte des Wertachbrucker Tors

 

AZ 28.6.2013 – Wertachbrucker-Tor-Dachstuhl-ist-angefault

 

AZ 29.9.2013 Wertachbrucker-Tor-hinter-Gittern

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